Vorurteil

Seit der Aufklärung wird mit V. eine vernunftwidrige, ohne Überprüfung der Sachverhalte vorgefasste Meinung bezeichnet, die oft mit feindseligen Gefühlen gegen bestimmte Personen oder Personengruppen einhergeht. Ehe vorschnell eine vorurteilsbehaftete Haltung nur unaufgeklärten Menschen zugesprochen wird, ist festzuhalten, dass die komplexen Lebenszusammenhänge immer schon verkürzende Perspektiven erzwingen, die von kulturellen und sozialen Standpunkten mitgeprägt sind. Niemand ist wirklich vorurteilsfrei, und es ist für jede einzelne Person und für jede Gesellschaft eine bleibende Aufgabe, sich von vorhandenen V.en möglichst zu lösen.

Sozialethisch beurteilt zeigt sich die Problematik von V.en dort, wo diese zu feindlichen und oft auch zu Gewalt antreibenden Haltungen gegen bestimmte Personen oder Personengruppen führen. Eine deutsche Forschergruppe um Wilhelm Heitmeyer hat dafür den Begriff „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (Heitmeyer u. a. 2012) geprägt und nennt folgende konkrete Ausformungen: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Heterophobie (Abwertung von Homosexuellen, Behinderten, Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen, Asylbewerbern, Sinti und Roma), Etabliertenvorrechte und Sexismus. Die einzelnen Elemente dieser Menschenfeindlichkeit bilden ein zusammenhängendes Syndrom und basieren auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit.

1. Anthropologische Hintergründe

Gruppenbildungen zu Beginn der menschlichen Zivilisation zeigen deutliche Spuren von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. So verweist Claude Lévi-Strauss auf einen anfänglichen Ethnozentrismus, der die Menschheit jeweils an den „Grenzen des Stammes, der Sprachgruppe, manchmal sogar des Dorfes“ (Lévi-Strauss 1999: 369) enden ließ. Erhellend sind diesbezüglich auch die Einsichten der mimetischen Anthropologie René Girards, die V.e aus einem urtümlichen Sündenbockmechanismus hervorgehen sieht, in dem interne Spannungen innerhalb einer Stammesgruppe zuerst auf einzelne Gruppenmitglieder und später auch gegen äußere Feinde abgeleitet werden. R. Girard nennt Stereotypen der Opferselektion, die bestimmte Menschen bes. leicht als Sündenböcke markiert: Ethnische und religiöse Minderheiten, Menschen mit Behinderungen, Frauen, Kinder, aber auch gesellschaftlich herausragende Positionen. Ähnlich erkennt die Terror-Management-Theorie, dass Menschen wegen ihrer Sterblichkeit oft in einer gegen andere Gruppen gerichteten Gruppenzughörigkeit Sicherheit und zumindest ein kulturelles Überleben suchen.

2. Verstärkende Faktoren

Wie aktuelle Formen von Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Fundamentalismus zeigen, ist die menschliche Neigung zu gruppenbezogenen V.en nicht bloß eine Erscheinung der Vergangenheit, sondern zeigt sich auch als gefährliche Tendenz in unserer Gegenwart. Ereignisse wie der Terroranschlag vom 11.9.2001 oder die Finanzmarktkrise von 2008 haben solche Tendenzen verstärkt. Die Forscher um W. Heitmeyer zeigen, dass ein mit der Globalisierung einhergehender autoritärer Kapitalismus entsolidarisierend wirkt und soziale Krisen auslöst, die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ansteigen lassen. Auch die elektronischen Medien und insb. die neuen sozialen Medien (Social Media) fördern oft tribalistische Tendenzen. Hoffnungen, dass sich das Internet als ein globales und inklusives Kommunikationsmedium erweise, wurden gedämpft. Es zeigt sich, wie die Bildung von medialen Echokammern, in denen sich Gleichgesinnte in ihren vorurteilsgeladenen Meinungen bestätigen, gesellschaftliche Spaltungen verstärken kann.

3. Die Gleichwürdigkeit aller Menschen

Obwohl gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unsere Welt von ihren Anfängen bis in unsere Gegenwart begleitet, ist sie weder ontologisch grundgelegt noch unausweichliches Schicksal. Schon C. Lévi-Strauss hielt in seiner Auseinandersetzung mit der Geschichte des Rassismus fest, dass die „großen philosophischen oder religiösen Systeme der Menschheit“ (Lévi-Strauss 1999: 370) den Ethnozentrismus früherer Kulturen aufgebrochen haben. Hinsichtlich der jüdisch-christlichen Tradition hat R. Girard gezeigt, dass die radikale Parteinahme der biblischen Religionen für die Opfer kollektiver Verfolgung jene vorurteilsgeprägten Muster, die Sündenbockjagden und Freund-Feind-Denken legitimieren, aus den Angeln gehoben hat. Auch wenn die Geschichte des Christentums von Verfolgungen keineswegs frei ist, ist der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit die Legitimationsgrundlage entzogen.

Aus der Sicht der katholischen Soziallehre steht das Personalitätsprinzip (Personprinzip) mit der Betonung der Gleichwürdigkeit aller Menschen (Menschenwürde) gegen jede gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Im „Kompendium der Soziallehre der Kirche“ wird die Ideologie der Ungleichwertigkeit klar zurückgewiesen: „‚Gott schaut nicht auf die Person‘ (Gal 2,6; vgl. Apg 10,34; Röm 2,11; Eph 6,9), weil alle Menschen dieselbe Würde von Geschöpfen besitzen, die er nach seinem Bild und ihm ähnlich geschaffen hat. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes macht deutlich, dass hinsichtlich ihrer Würde alle Personen gleich sind: ‚Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus‘ (Gal 3,28; vgl. Röm 10,12; 1 Kor 12,13; Kol 3,11)“. Ausdrücklich wird die „grundlegende Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Nation, ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft, Kultur oder Gesellschaftsschicht“ (Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden 2006: 118) hervorgehoben.

4. Zum Abbau von Vorurteilen

Zum Abbau von V.en benötigt es Maßnahmen und Aktivitäten auf allen Ebenen. Bildung als lebenslanges Lernen ist sicher unabdingbar. Ebenso bedarf es wirtschaftlicher und politischer Strukturen, die Solidarität stärken und ein gutes Miteinander zwischen allen Menschen fördern. Im Blick auf Medien und soziale Netzwerke gilt es, den Gefahren von Echokammern mit ihrer Förderung des Tribalismus entgegenzuwirken. Auch die Geschwindigkeit des Internets läuft der auf Nachdenklichkeit angewiesenen Überwindung von V.en entgegen, wie das Beispiel der Nachbarschaftshilfeplattform „Nextdoor“ zeigt, die bewusst verlangsamende Maßnahmen ergriff, um nicht den Rassismus zu verstärken. Auch der interreligiöse Dialog trägt zu einer Überwindung pauschaler Abwertungen von Menschengruppen bei. Der deutsche Theologe Ansgar Kreutzer ruft deshalb im Anschluss an Forschungen von W. Heitmeyer, wonach eine negative Anerkennungsbilanz die Neigung zur Diskriminierung anderer verstärkt, zu einer Theologie der Anerkennung auf, die aus dem Glauben „an eine unbedingte Anerkennung durch Gott“ ein „Ethos gegenseitiger Anerkennung“ (Kreutzer 2017: 235) freisetzt. Auch konkrete Begegnungsräume für Menschen verschiedener Kulturen und Religionen helfen, V.e abzubauen, wie das Phänomen des Antisemitismus ohne Juden indirekt erkennen lässt. Schließlich bedarf es gerade angesichts der neuen Medien einer bewusst die Einsamkeit suchenden Achtsamkeit, um den kollektiven V.en zu entkommen, ohne aber den Dialog mit anderen abzubrechen. Gegen die V.e nährende Gedankenlosigkeit setzte Hannah Arendt auf das dialogische (Dialog) „Zwiegespräch des Menschen mit sich selbst“ (Arendt 2007: 48), das einerseits Einsamkeit voraussetzt und andererseits mit der Welt und Freunden verbunden bleibt.